Wolfgang Niedecken im Interview
Wolfgang Niedecken ist auch nach 50 Jahren noch von der Musik besessen. Im Sommer setzt er mit BAP seine erfolgreiche Konzertreihe „Zeitreise“ fort, die ihn am 18. Juli auch auf die Kulmbacher Plassenburg führt. Im Vorfeld des Auftritts sprach Niedecken mit Olaf Neumann über die aktuelle Zeitreise-Tour sowie den Wandel in Kunst und Politik.
Bayreuth4U: Herr Niedecken, wie lange stehen Sie jetzt schon auf der Bühne?
Wolfgang Niedecken: Kommt drauf an, ab wann man rechnet. BAP fing 1976 an, und bis zu meinem Kunststudium habe ich bereits in „Schülerbands“ gespielt, die nachher ziemlich professionell wurden. Keiner von uns hätte damit gerechnet, dass ich BAP noch 48 Jahre später betreiben würde.
Bayreuth4U: Im Sommer spielen Sie mit BAP auf der Plassenburg, der einstigen Hohenzollernfestung. Was reizt Sie an solchen Spielorten?
Niedecken: Es ist ein Traum, im Sommer in diesen wunderschönen Locations spielen zu dürfen. In der Plassenburg hat meine „Dylanreise“ übrigens angefangen, noch während der Covid-19-Pandemie. Es musste immer jeweils ein Platz zwischen den Zuschauern freibleiben. Wenn man einmal absieht von dem Auftritt im WDR-Sendesaal, wo kein Publikum reindurfte. Das allererste Konzert wurde nur übertragen. Wir haben mit der „Dylanreise“ über 100 Auftritte gespielt. Jetzt wieder in der Plassenburg aufzutreten, darauf freue ich mich total.
Bayreuth4U: Und im August treten BAP erstmals beim Wacken Festival auf. Ist das Live-Spielen für Sie immer noch mit Aufregung verbunden oder ist es zu einem irgendwie normalen Vorgang geworden?
Niedecken: Ich habe kein Lampenfieber. Aber ich muss dieses Kribbeln verspüren, dass ich da hoch will. Das ist ein bisschen vergleichbar mit einem Kind bei der Bescherung, wenn die Mama mit dem Glöckchen bimmelt und man darf endlich rein ins Wohnzimmer. Bleibt das aus, setzt bei mir Lampenfieber ein. Ich befürchte dann nämlich, dass ich heute Abend der letzte Langweiler sein werde. Und dann bekomme ich furchtbares Lampenfieber, und das Kribbeln ist auch wieder da. Es funktioniert also von selbst.
Bayreuth4U: Zu Ihren Live-Auftritten kommen mittlerweile drei Generationen. Junge Konzertbesucher wissen vielleicht nicht, in welchem kulturellen Klima die großen BAP-Hits entstanden sind. Werden Sie es Ihnen erklären?
Niedecken: Man darf nicht anfangen, ein Konzert mit einer Vorlesung zu verwecheln. Ich glaube, ich vermittele das Zeitgefühl von damals schon, indem ich Anekdoten erzähle. Zum Beispiel, wie wir 1980 bei der Gegenbuch-Messe in Frankfurt gespielt haben. Nachdem wir unseren ganzen Kram in die erste Etage geschleppt hatten, meinte einer dieser gutmeinenden Hippies zu uns: „Ein Kofferverstärker hätte es ja wohl auch getan“. Wie dieser Satz zu einem Stück wie „Müsli-Män“ führt, ist schon irre. Bei der „Zeitreise“ mache ich nach den ersten drei Stücken eine relativ lange Moderation. Und danach erzähle ich noch die Geschichte von „Waschsalon“. Würde ich aber die Geschichte jedes einzelnen Stücks erklären, würden wir im Morgengrauen rausgehen. Im vorigen Jahr habe ich das BAP-„Zeitreise“-Magazin geschrieben, das gibt es am Merch-Stand oder in unserem Webshop. Darin erzähle ich alle Geschichten und liefere die entsprechenden Fotos, Eintrittskarten und Plakate.
Bayreuth4U: Welche „Gegenbücher“ hat man damals gelesen?
Niedecken: Das waren all die alternativen Bücher, die bewusst in alternativen Verlagen publiziert wurden oder keinen Verleger fanden, weil sie nicht kommerziell genug waren. Damals gab es in Universitätsstädten ohne Ende linke Buchläden. Ein Vertreter unseres ersten Plattenlabels Eigelstein lief immer mit seinem Musterkoffer durch diese Läden und versuchte, zehn von unseren Alben in Kommission dazulassen. Das war aber nicht genug Vertrieb für uns, denn wir merkten, wir schmoren im eigenen Saft. Wir kamen aus dem kölschen Sprachgebiet einfach nicht raus. Da Eigelstein aber nicht in einen ordentlichen Vertrieb gehen wollte, mussten wir uns schweren Herzens von ihnen trennen.
Bayreuth4U: Sie sind dann zur EMI gegangen. Die sorgte dafür, dass kritische Lieder wie „Zehnter Juni“ eine große Verbreitung fanden. Sie schrieben es 1982 nach der gigantischen Friedensdemonstration in Bonn-Beuel gegen den Nato-Doppelbeschluss. Hat der Refrain „Plant mich bloß nit bei üch en“ heute noch Gültigkeit?
Niedecken: Ja. Bei dem Song erzähle ich dem Publikum von einem Interview, dass ich einem Ihrer Kollegen aus Frankfurt gegeben habe, anlässlich des 40. Jahrestags dieser Demonstration. Am Schluss fragte er mich: „Würdest du ‚Zehnter Juni‘ irgendwann noch einmal spielen?“ Und ich sagte: „Kommt drauf an, wie die politischen Voraussetzungen gerade sind. Dann kann das Stück schon wieder Sinn machen.“ Kurz danach kündigte Putin seine „Teilmobilmachung“ an. Er verschleiert ja schon in der Begrifflichkeit alles. Viele junge russische Männer haben sich daraufhin ins Ausland abgesetzt. Ich musste mich eigentlich nur in einen dieser Deserteure versetzen, und dann stimmte „Zehnter Juni“ wieder komplett, jedes einzelne Wort. Es ist gut für einen Song, wenn er auch mal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird. Er würde sonst zu eindimensional. Bei „Verdamp lang her“ etwa denken die Leute bestimmt nicht daran, dass ich da am Grab meines Vaters stehe. Die denken eher an alles mögliche, was bei ihnen lange her ist. Und das ist auch gut so.
Bayreuth4U: Der neue alte US-Präsident Trump verlangt von Nato-Partnern fünf Prozent Verteidigungshaushalt. Was denken Sie angesichts der massiven Investitionen ins Militärische?
Niedecken: Ich finde, die Bundeswehr und die Nato müssen wehrtütig gemacht werden. Damit ist in den vergangenen Jahren geschlampt worden, auch in meinem Namen übrigens. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass die Bedrohung aus dem Osten noch einmal so stark wird. Wir dürfen aber nicht auf den linken und rechten Rand reinfallen. Überall lauern Populisten, denen traue ich nicht.
Bayreuth4U: Die sozialen Medien haben dabei geholfen, Donald Trump ins Weiße Haus zurückzubringen. Wie erklären Sie sich die Sehnsucht der US-Wähler nach einem Autokraten?
Niedecken: Zusammenkürzt wählen die Leute immer denjenigen, der ihnen am wenigsten abverlangt und zumutet. Es geht auch bei uns in diese Richtung. Die Grünen benennen offen die Zumutungen, die auf uns zukommen, wenn wir noch länger auf diesem Planeten leben wollen. Wenn du aber immer mit schlechten Nachrichten ankommst, dann werden schlecht informierte Menschen dich höchstwahrscheinlich nicht wählen, sondern eher die Parteien an den Rändern. Die Zeit der Zumutungen ist weltanschaulich sehr schwer durchzukriegen. Ich bin da nicht besonders optimistisch.
Bayreuth4U: Wie bewahren Sie sich denn Ihren Optimismus in diesen chaotischen Zeiten?
Niedecken: Wenn wir die Empathie verlieren, ist alles zu spät. Gottseidank können viele noch Empathie aufbringen. Lieder handeln ja von Gefühlen. Man darf da nicht zu wissenschaftlich werden. Am Tag des fünften Auftritts der „Zeitreise“-Tour ist die Wahl in den USA schief gegangen. Ich habe wirklich überlegt, ob ich dazu in Reutlingen von der Bühne aus Stellung nehme. Habe es dann lieber sein gelassen, weil diese Zeitreise in die Anfangsjahre von BAP zurückgeht. Es wäre nicht gut gewesen, an einer Stelle darauf hinzuweisen, dass momentan alles aus dem Ruder läuft. Wenn man sich das ganze Programm aufmerksam anhört, kommt man aber schon dahinter, wie ich das alles finde.
Bayreuth4U: Bob Dylan wird dieses Jahre 84, Mick Jagger 82 und Bruce Springsteen 76. Warum können die Granden sich nicht zur Ruhe setzen? Werden sie von den Geistern der Kunst getrieben?
Niedecken: Das ist bei jedem anders. Bei Dylan ist es eine Lebensform. Er muss unterwegs sein und lebt in einem wunderbaren Tourbus mit allem Komfort. Er geht erst gar nicht in die Garderobe vor einem Auftritt. Weiß der Teufel, was in seinem Privatleben läuft. Mir schwant, dass es nicht allzu glücklich verlaufen ist. Und Bruce will auch live spielen. Er macht es gut, aber ich habe das Gefühl, dass es ein bisschen extra-jugendlich wirken will. Die Ansage, dass er der letzte aus seiner Schülerband sei, der noch lebe, ist mir allerdings sehr nahegegangen. Da steht einer zu seinem Alter, ich mag keine Berufsjugendlichen. Und Jagger ist Asket und Athlet in einer Person. Ich hoffe, dass die anderen beiden Herrschaften auch Spaß haben. Ich bin ihnen zwar mal begegnet, kann aber nicht behaupten, sie zu kennen. Ich hoffe, dass sie rechtzeitig den Punkt finden aufzuhören, bevor sie zu Johannes Heesters des Rock`n`Rolls werden.
Bayreuth4U: Timothée Chalamet verkörpert Bob Dylan in dem neuen Biopic „A complete Unkown“. Auch die Geschichte der Scorpions wird gerade in Hollywood verfilmt. Hätten Sie eine Idee, wer Sie darstellen könnte in einem möglichen BAP-Biopic?
Niedecken: (lacht) Ehrlich gesagt, am ähnlichsten sieht mir mein ältester Sohn Severin, der hätte dazu bestimmt keinen Bock. Also, ich habe keine Ahnung, wer das könnte. Gottseidank muss ich mir darüber auch keine Gedanken machen.
BAP auf „Zeitreise“-Tour:
18.7.2025, Kulmbach, Plassenburg, 19:30 Uhr